Familie, Alltag, Outing


Jetzt waren wir also zu dritt.

Wir haben unseren Sohn übrigens Kevin genannt, erstens weil wir den Namen gut fanden, und zweitens waren wir beide Kevin Costner Fans.

Claudia hatte aufgrund der Schwangerschaft ihre Lehre zum Tankwart abgebrochen und hatte Zeit sich um unseren Spross zu kümmern.

Das Kinderzimmer war ein Traum, es fehlte an gar nichts.

Wir kauften Unmengen an Spielzeug, Babywäsche und Kindermöbel.
Ich erinnere mich noch lebhaft wie ich den Wickeltisch selbst entworfen und gebaut habe.

 

Es war eine sehr schöne Zeit, wir waren überglücklich und das Leben meinte es bis hierhin sehr gut mit uns.

Kevin war unser Mittelpunkt.

Es gab auch Kehrseiten.

In den Nächten war erstmal an Schlaf nicht zu denken, oftmals saß ich total übermüdet hinter dem Steuer meines LKW´s.

Durch die finanzielle Mehrbelastung (Windeln, Babynahrung, Babykleidung, etc...) und den Wegfall des zweiten Einkommens wurde das Geld knapp.

Wir fingen zwischendurch an uns zu streiten.

 

Der Manta war als Familienauto auf Dauer unpraktisch und wurde aufgrund häufiger Mängel im Unterhalt zu teuer.

Da wir dringend etwas praktischeres brauchten, finanziell aber keine Reserven vorhanden waren, kauften wir uns erstmals ein Auto auf Ratenzahlung.

Wird schon gehen dachten wir...

 

Anfangs klappte alles noch halbwegs, es war zwar eng und wir mussten uns einschränken, aber irgendwie klappte es.

Wir waren mehr zu Hause, die Treffen an der "Rennmeile" hatten sich aufgrund der "Rentnerkarre" erledigt.

Wir kümmerten uns liebevoll um unseren Sohn, trotzdem kehrte, vor allem Abends ein Alltag ein.

Unternehmungen gingen aufgrund der finanziellen Lage kaum noch, abends spielten wir Brettspiele, Kniffel oder schauten fern.

Mit Nachwuchs und ohne Geld waren wir viel allein, unsere "Freunde" waren allesamt noch kinderlos.

Die Atteraner Parkplatztreffen fanden schon lange nicht mehr statt, selbst wenn wir es gewollt hätten wäre dies keine Option gewesen.

Arbeitsleben, Familie, Alltag.

Wir waren erwachsen.

 

Auf einmal meldete sich eine alte Bekannte, Tina war wieder in meinen Kopf.

Wieso konnte sie mich nicht in Ruhe lassen, jahrelang hat sie sich nicht gemeldet.

Zunächst war sie glücklicherweise nicht mehr als ein flüstern.

 

Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber am Anfang eines Jahres lag plötzlich eine extrem hohe Mietnebenkostenendabrechnung im Briefkasten.

Fast 1000 DM waren in unserer Situation beim besten Willen nicht zu stemmen, wir mussten den Kredit umschulden, dadurch wurde die monatliche Belastung natürlich noch höher.

Wir steckten sehr zurück, mal gemütlich zusammen ausgehen war nicht mehr drin.

Zuhause sparten wir wo es ging, ich erinnere mich sogar noch daran wie wir eine Spardose neben dem Telefon aufstellten und nach jedem Gespräch 50 Pfennig reinschmissen um unsere Telefonrechnung bezahlen zu können, ein Stück Fleisch zum Mittag wurde purer Luxus.

Während wir Kartoffeln mit Soße aßen, hatte unser Sohn immer seine vollwertige Mahlzeit auf dem Teller.

Auseinandersetzungen aufgrund des Geldes wurden häufiger.

Die Geldsorgen fraßen uns auf, ich wurde, ohne es zu wollen, ziemlich jähzornig.

Notgedrungen nahm Claudia in den Abendstunden einen Nebenjob als Putzfrau an, wodurch sich unsere Lage allmählich entspannte.

Nach einiger Zeit waren wir in der Lage uns ein zweites Auto anzuschaffen, einen uralten orange gestrichenen Polo der ersten Baureihe. 

Auf diese Weise wurde es natürlich etwas einfacher, mein Engel brauchte nicht mehr mit dem Bus zur Arbeit, Einkäufe oder Arztbesuche waren kein Problem mehr.

 

Während meine Süße abends am arbeiten war hatte ich Zeit für mich, mein zweites Ich meldete sich immer heftiger und ich begann mir wieder Klamotten zu besorgen.

Wenn Kevin im Bett und ich dadurch allein war, zog ich mich heimlich um und fühlte mich glücklich, natürlich nie ohne hinterher ein schlechtes Gewissen zu haben.

Meine Klamotten versteckte ich jedes Mal, bevor mein Schatz nach Hause kam, im Kofferraum meines Autos.

 

Eines Tages wachte Claudia schmerzerfüllt aufgrund einer Wurzelentzündung mit einer dicken Backe auf.

Da ich arbeiten musste, wollte sie später selbst zum Zahnarzt fahren.

Zu allem Überfluss bekam ausgerechnet an diesem Tag ihre Oma einen Schlaganfall, worauf sie sich voller Sorge, mit Schmerztabletten vollgepumpt, hinter das Steuer setzte und noch vor dem Termin zu Ihr fuhr.

Dort angekommen erfuhr sie von ihrer Mutter, dass ihre Grandma schon in die Klinik eingeliefert wurde und sich außer Gefahr befand.

 

Dann passierte es...

Innerlich aufgewühlt und mit Schmerztabletten vollgepumpt krachte sie auf dem Weg zum Zahnarzt gegen eine Mauer.

Mit dem noch fahrbereiten Totalschaden machte sie sich, zum Glück unverletzt, auf dem Weg zum Doc.

Die erste Frage des Arztes beim Anblick des Fahrzeuges: "Wie viele Tabletten haben Sie genommen ??"

Nach der Behandlung rief sie mich in meinem LKW an um von dem Malheur zu berichten.

 

Nach Feierabend nahm ich meinen Engel in den Arm und war erleichtert, dass ihr nichts passiert ist.

Natürlich schimpfte ich auch aufgrund ihrer Verantwortungslosigkeit.

Der Wagen war vom VW-Zeichen bis zur Mitte des Radkastens eingedrückt.

Glücklicherweise besaßen alte Freunde eine Hobbywerkstatt in welcher zufällig ein zum ausschlachten bereiter Polo stand.

Am Wochenende brachten wir die Karre mit Hilfe von Ketten und dem Rückwärtsgang in die Grundform, verrichteten Feinarbeit mit Hammer und Brechstange und schraubten anschließend die beschädigten Teile wie z.B. Kotflügel, Scheinwerfer, Kühlergrill und Stoßstange um.

 

Bei der Motorhaube angekommen fragte ich Claudia ob sie mir eine weitere Knarre (das ist ein Werkzeug, Überfall war nicht geplant ^^) aus dem Kofferraum geben könne...

Aus meinem Kofferraum...

Es kam, wie es kommen musste, sie entdeckte die Tasche, die Tasche mit meinen Sachen !!!

Ihr erster Gedanke war, ich würde fremdgehen, hätte neben ihr eine andere.

Sie stellte mich zur Rede...

 

Ich brachte kein Wort heraus, was sollte ich sagen ?

Ich hatte Angst meinen Engel zu verlieren, mein Leben.

Was tun ?

Ein Moment des Schweigens der endlos dauert.

 

Claudia war fertig, sie weinte.

Unsere Freunde nahmen sie mit ins Haus um sie zu beruhigen.

Ich stand alleine in der Werkstatt, alleine mit meinen Gedanken, alleine mit meiner Angst.

Diese Situation war für mich ungleich schlimmer als einige Jahre zuvor bei meiner Mutter.

Nach gefühlten Ewigkeiten gebe ich mir einen Ruck, gehe unter Tränen zu ihr und erzähle ihr ALLES !!!

Wir redeten Stunden, ich versuchte ihr genau zu erklären wie es in mir aussieht, wie ich versuchte "normal" zu werden, wie meine Mutter damals alles entdeckt hat, und vor allem, wie sehr ich sie liebe.

 

Stellt Euch bitte vor wie ihr in dieser Situation reagieren würdet, was würdet ihr mit eurem Partner machen ?

Ich hätte es verstanden wenn Claudia auf der Stelle die Scheidung gewollt hätte.

 

Ihre Reaktion ?

Sie war erleichtert, erleichtert das mir die Sachen gehörten und keiner anderen !!!

Sie tolerierte, besser gesagt, akzeptierte es, zeigte unermessliches Verständnis !!!

Sie verlangte nicht, dass ich meine zweite Identität entsorgte, fand es nicht unnormal.

Zwar bat sie mich meine weibliche Seite weiterhin heimlich auszuleben und wollte mich so auch nicht sehen, aber ernsthaft, kann es einen größeren Liebesbeweis geben ?

 

Das Leben ging weiter, UNSER Leben !!! :-)

 

Ein paar Wochen später, mittlerweile war der Winter eingebrochen, fanden wir eine Location, in der wir den aktuell kunterbunten Polo lackieren konnten, um die letzten äußerlichen Spuren des Unfalls zu verwischen.

Einer meiner Kunden war so nett und stellte mir seine Lackierhalle, in welcher normalerweise Baggerschaufeln lackiert werden, zur Verfügung.

Da die ganze Aktion schnell, außerhalb der Geschäftszeiten, über die Bühne gehen musste, bot mein Engel an, bei den Vorbereitungen wie z.B. Schleifen und Abkleben zu helfen.

Kevin konnte natürlich nicht "allein zu Haus" bleiben und kam ebenfalls mit, er schlief die meiste Zeit im warmen beheizten Auto, wobei wir natürlich immer ein Auge auf ihn hatten. Lebhaft erinnere ich mich noch, wie wir das mittgenommene Essen für unseren Sohn auf dem Motor unseres laufenden Autos erwärmt haben.

Mitten in der Nacht brachte ich, bei eisigen Minustemperaturen und recht dunkler Neonbeleuchtung, die Farbe auf.

Nach vollbrachter Arbeit fuhren wir zum schlafen nach Hause und holten morgens das fertige Auto ab.

Das hochglänzende, feuerrote Spielmobil hatte, mit seinen großzügig verteilten Läufern, etwas von einem Kunstwerk und sah auf jeden Fall deutlich besser aus als vorher.

Leider besaßen wir zu dieser Zeit keinen Fotoapparat, ich hätte Euch zu gerne ein paar Bilder gezeigt.

 

Claudia und ich verstanden uns nach dem Outing noch besser als vorher, vielleicht lag es daran, dass ich eine zentnerschwere Last losgeworden bin.

Zwischendurch ging Claudia mir zuliebe früher ins Bett und schaute fern damit ich Gelegenheit hatte mich auch mal ein paar Stunden länger aufzustylen. 

Wir redeten offen über das Thema, über die jeweils eigenen Gefühle, natürlich immer nur wenn Kevin schon im Bettchen war.

Nach etlichen Monaten wollte sie mich auch mal von meiner weiblichen Seite zu sehen, allerdings war ich noch nicht so weit, war zu verklemmt und schüchtern.

 

2 Jahre später lag wieder mal eine überteuerte Nebenkostenabrechnung im Briefkasten.

Um das Geld aufzubringen verkauften wir unseren Opel Rekord.

Mit seiner sänftenartigen Straßenlage entsprach dieses Wüstenschiff so gar nicht meinem Fahrstil und war aufgrund häufiger Reparaturen der Grund für unsere nicht vorhandenen Rücklagen.

Direkt vor Ankunft des Käufers stopfte ich noch eine Bananenschale in das Differentialgetriebe der Hinterachse um das Jaulen zu eliminieren.

Vorläufig war ein für billiges Geld erworbener Golf der ersten Generation mein Fortbewegungsmittel.

 

1995 beschlossen wir uns eine neue Bleibe zu suchen und fanden unweit entfernt eine hübsche Wohnung in einem 6-Familien Haus...

 

weiter geht es mit Tina wird flügge