Pech und Glück

Leider habe ich aus dieser Zeit keine Fotos mehr gefunden, lesen lohnt sich trotzdem ;-)

DEU Bippen COA

Mit meiner weiblichen Seite geht es ein paar Zeilen unten weiter, jetzt muss ich aber erst mal anderweitig ausholen ^^

 

Das neue Haus war echt klasse, jede Partei hatte eine ganze Etage für sich, die Wohnungen waren groß und lichtdurchflutet, jeder hatte seinen eigenen Garagenstellplatz und auch der Garten war riesig.

Die Location war genial, der nächste Nachbar über 200m entfernt und ein hoher Dachboden direkt über unserer Wohnung.

Da wir die schwarzen Möbel nach gut 3 Jahren nicht mehr sehen konnten, richteten wir uns komplett neu ein...

 

Als nächstes war der Dachboden dran, ich kaufte für 400m² Dachschräge Rigipsplatten, Dachlatten und Dämmwolle.

Fast ohne Hilfe (Andy half nur am Anfang) baute ich den ganzen Dachboden aus, teilte Räume ab, setzte Steckdosen, Schalter, Lampen ein.

Ich möchte nicht daran denken was der ganze Ausbau gekostet hat.

LKW fahren, jeden Tag 100km Arbeitsweg und der Innenausbau - mein Körper befand sich oft am Ende der Leistungsfähigkeit.

Die ganze Aktion mit dem Ausbau dauerte aufgrund kaum vorhandener Hilfe (Claudia half im Rahmen ihrer Möglichkeiten) eine halbe Ewigkeit.

Proberaum, schalldichte Gesangskabine, ganz langsam nahm es Form an.

Wir konnten unsere ersten Proben abhalten...

Maren, ein 16 jähriges Mädel und spitzen Sängerin war von den ersten Gesangsaufnahmen so begeistert, dass sie in Tränen ausbrach.

 

Andy kümmerte sich in Bippen viel um seine Frau, diese war nach relativ kurzer Zeit aufgrund der Entfernung zu Freunden und ihrer Mutter sehr unglücklich.

Persönlich denke ich übrigens, dass die Beiden nicht damit klar kamen mich öfter als Tina zu sehen, vor allem Andy war immer auf seinen Ruf bedacht.

Die Familie zog weg bevor das Tonstudio fertig war.

Mit der Band sollte es weitergehen, wir wollten auch in Zukunft regelmäßig proben.

 

Ich will hier nicht rumheulen, also in aller Kürze.

Andis Frau wurde wieder schwanger, er selbst hatte nur noch seine wachsende Familie im Kopf und mit den Proben ist aus außer Spesen nichts gewesen, vergessen war die Band.

Franco, unser Sänger, versuchte eine Solokarriere in den Beneluxländern zu starten.

Ich hatte den größten Teil meines Erbes für einen Traum in den Sand gesetzt.

 

Nach der Bandauflösung fragte Andi ob er einen Teil des Equips abkaufen könne um zuhause nebenbei ein wenig zu musizieren.

Aufgrund der großen Summe vereinbarten wir eine Ratenzahlung...

… ich rate heute noch ob ich mein restliches Geld jemals bekommen werde, mit Zinsen wäre das bestimmt 5000€.

Ich habe übrigens seit über 18 Jahren nichts mehr von ihm gehört, nicht mal eine Entschuldigung kam.

Schade, ich dachte wir wären Freunde gewesen.

 

An dieser Stelle an alle die mich kennen:

Fragt mich nie ob ich euch Geld leihe !!!

 

Genug über Pech geredet, kommen wir lieber zu anderen Dingen ;-)


 

Bis hierhin hat es sich wahrscheinlich so angehört, als ob ich das ganze Geld nur für mich verbraten hätte und Claudia kein Mitspracherecht besaß, dem war aber nicht so, sämtliche Entscheidungen fällten wir zusammen.

Wegen der abgelegenen Wohnlage bekam sie ihr eigenes Auto (Der Polo war schon ewig lange in der Presse), die Küche hat sie selbst ausgesucht, Haushaltsgeräte zur Arbeitserleichterung wurden angeschafft, etc. .

Es fehlte uns an nichts und wir waren glücklich.

Da meinem Engel nach einiger Zeit zuhause die Decke auf den Kopf fiel, suchte sie sich einen Nebenjob in einem Schnellrestaurant, in dem sie am Wochenende arbeitete.

Unser Sohn wurde eingeschult, fand in der Schule neue Freunde und hatte mit den Kindern unserer Nachbarn immer jemanden zum Spielen, es war ihm anzusehen wie toll er es fand.

 

Abends wenn er im Bett war und wir Zeit für uns hatten, machte ich mich immer häufiger hübsch.

Jeglicher Arbeitsstress oder Müdigkeit war dann wie weggeblasen, ich fühlte mich wohl, gefiel mir so wie ich war.

Wir spielten dann Brett- oder Kartenspiele, verbrachten Zeit vor dem Computer oder redeten über Gott und die Welt, sehr oft auch darüber, wie es in uns aussieht.

Ich teilte ihr mit, dass ich spüre wie der weibliche Teil in mir langsam stärker wird.

Ich wollte raus, wollte was Unternehmen, wollte Menschen kennenlernen die ähnlich ticken wie ich.

 

In dem, auf der vorherigen Seite erwähnten Schmuddelheftchen befanden sich auch Kontaktanzeigen, 99,9% rein sexueller Natur, aber auch eine, die für uns in Frage kam.

- Zur Info, im Internet gab es damals diese Möglichkeit noch nicht

Eine recht hübsche TV (Transvestit) suchte Gleichgesinnte zum Ausgehen und plaudern.

Wir schrieben sie an, tauschten ein paar Zeilen aus und machten schließlich als Treffpunkt eine Schwulenbar in Oldenburg aus.

 

Als der Tag des Treffens vor der Tür stand, stylte ich mich so gut und hübsch (aus meiner damaligen Sicht) auf, wie es ging und wir machten uns auf den Weg.

Da direkt vor der Bar kein Parkplatz zu finden war, mussten wir ein gutes Stück laufen.

Diese 500m werde ich nie vergessen.

Bei jedem Scheinwerferlicht von vorne suchte ich Deckung im nächsten Hauseingang oder hinter dem nächsten Auto, ich war heilfroh, dass kein Fußgänger entgegenkam.

Mir wurde bewusst wie ich in meinem kurzen lila Kleidchen und den High-Heels auf andere wirken musste.

Ich war so eingeschüchtert, dass ich den Weg ohne Claudia nie geschafft hätte.

"Da musst du jetzt durch", sagte sie.

Ein zweites Gefühl machte sich in mir bemerkbar, vielleicht ist Erregung die treffendste Beschreibung, keine Ahnung wie ich es sonst ausdrücken soll.

 

Zumindest kamen wir, trotz aller Befürchtungen, lebend in der Bar an, quatschten, tanzten, hatten jede Menge Spaß.

Das restliche Publikum interessierte sich nicht im geringsten für uns, Frauen waren nicht die Zielgruppe.

Beim dritten gemeinsamen Treffen streichelte plötzlich eine Hand, die nicht zu Claudia gehörte meinen Oberschenkel, damit war das dritte gleichzeitig das letzte Treffen.

Bis auf diese eine, für mich damals negative Erfahrung, war es für mich toll, endlich raus, endlich leben.

 

Mehr und mehr merkte ich, dass meine mir biologisch vorgegebene Rolle nicht mehr spielen wollte.

Claudia und ich redeten viel, sehr viel.

Obwohl Sie einen Mann geheiratet hat und zu 100% hetero veranlagt ist, meinte sie ich müsse das Leben so leben, wie ich es möchte.

Sie gab, und, soviel vorweg, gibt mir auch heute noch, so unendlich viel Liebe, Kraft und Selbstbewusstsein.

 

Wie ihr wahrscheinlich schon gemerkt habt, sind meine Frau und ich Autonarren...

Unser Kadett GSi war zu damaliger Zeit recht auffallend, und so kam es, dass wir nach relativ kurzer Zeit Anschluss an einen Opel-Club fanden.

Es war eine einfach "hammergeile" Zeit, eine absolute Spitzentruppe mit super Leuten !!!

Gerti, Brocki, Langbein, Sascha, Bettina, Fritsch, Olli und alle anderen, wenn ihr das lest, ja, ihr seid gemeint ;-)

Jedes Wochenende waren gemeinsame Unternehmungen, Treffen, Veranstaltungen angesagt.

 

Dank Claudia hatte ich den Mut, mich vor der Truppe zu outen, und auch wenn nicht bei jedem Verständnis vorhanden war, hat mich jeder so genommen wie ich bin.

Mein Geheimnis war kein Geheimnis mehr !!!

Meine besten Freunde wussten Bescheid und....

… auch mein Chef, der wie ein zweiter Vater für mich war, wurde von mir eingeweiht.

Er meinte nur: " wenn du nicht im Minirock zur Arbeit kommst, ist alles gut.

 

Wieso habe ich eigentlich so lange damit gewartet, wovor hatte ich Angst gehabt ?

 

Tagsüber lebte ich weiterhin mein Leben als Mann, hauptsächlich aus Rücksicht auf unseren Sohn und auch auf meine Frau, da diese, wie bereits erwähnt, definitiv nicht lesbisch war.

 

und weiter mit ein Teil stirbt